Forschungsprojekt des Deutschen Forschungsinstituts für Öffentliche Verwaltung

"Die Herausbildung paneuropäischer Rechtsgrundsätze guter Verwaltung durch den Europarat und ihre Bedeutung im Verwaltungsrecht seiner Mitgliedstaaten"

(English below)

Projektleiter: Prof. Dr. Ulrich Stelkens
Fachliche Zuordnung: Öffentliches Recht
Förderung: Projekt besteht seit 2015, Förderung durch Sachbeihilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)

Als paneuropäische allgemeine Rechtsgrundsätze guter Verwaltung bezeichnet das Projekt die verwaltungsrechtlichen Grundsätze, die in Europaratsabkommen, den Empfehlungen des Ministerkomitees des Europarates, der Beschlusspraxis von Einrichtungen des Europarates (wie der „Venedig Kommission") und der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) zum Ausdruck kommen. Sie beziehen sich inhaltlich wechselseitig aufeinander und formen ein durchaus kohärentes Regelwerk, das sehr konkrete organisatorische und verfahrensrechtliche Vorgaben für das Verwaltungsrecht der Mitgliedstaaten des Europarates aufstellt, jedoch thematisch auf die bürgerschützende und legitimierende Funktion des Verwaltungsrechts begrenzt ist. Damit konkretisieren die paneuropäischen allgemeinen Rechtsgrundsätze guter Verwaltung die in Art. 3 der Satzung des Europarats (ERS) umschriebenen rechtsstaatlichen und demokratischen Grundwerte des Europarats. Ziel des Projekts ist es, die Rechtsquellen, den Inhalt und die Reichweite dieser Grundsätze sowie ihre Rechtswirkungen im nationalen Verwaltungsrecht systematisch zu erforschen.
In „Phase 1" des Projekts werden die Rechtsquellen der paneuropäischen allgemeinen Rechtsgrundsätze guter Verwaltung zusammengestellt, die Bandbreite der von ihnen behandelten Themen ermittelt und ihre Bedeutung und Harmonisierungswirkung für die nationalen Verwaltungsrechtsordnungen - und damit die Effektivität dieser Grundsätze - in Kooperation mit Verwaltungsrechtswissenschaftlern aus ganz Europa untersucht. Auf dieser Grundlage wird in „Phase 2" des Projekts ein Referenzrahmen der paneuropäischen allgemeinen Rechtsgrundsätze guter Verwaltung entwickelt, der die normativen Erwartungen des Art. 3 ERS an die Verwaltungsrechtsordnungen der Mitgliedstaaten des Europarats reflektiert. Dies ist nicht nur für den Aufbau demokratischer und rechtsstaatlicher Verwaltungen in den europäischen Transformationsstaaten von Bedeutung, sondern zeigt auch bei anderen Mitgliedstaaten Grenzen für Verwaltungsrechtsreformen auf, die die Standards guter Verwaltung abzusenken drohen. Ferner vereinfacht der Referenzrahmen als gemeinsamer Bezugspunkt den wegen der sehr unterschiedlichen Verwaltungsrechtstraditionen schwierigen Rechtsvergleich zwischen den Mitgliedstaaten des Europarates. Zur Illustration der in dem Referenzrahmen enthaltenen Prinzipien kann schließlich nicht nur auf Fallmaterial zu guter und schlechter Verwaltung aus der Rechtsprechung des EGMR und der Spruchpraxis der Europaratseinrichtungen zurückgegriffen, sondern es kann auch auf nationale Quellen (z. B. nationale Rechtsprechung) Bezug genommen werden. So kann der Referenzrahmen auch belegen, dass es sich bei den paneuropäischen allgemeinen Rechtsgrundsätzen guter Verwaltung um ein „gemeinsames Erbe" der Mitgliedstaaten des Europarates handelt, das ihre gemeinsamen Erfahrungen mit guter und schlechter Verwaltung widerspiegelt.
Das Projekt profitiert von der Beteiligung von Experten aus mehr als 30 Mitgliedstaaten des Europarates, die ihr „Insiderwissen" einbringen, indem sie den Einfluss des Rechts des Europarats auf ihr Land erforschen und hierzu einen Länderbericht verfassen.
Bisher hat das „Speyerer Team" zwei Workshops für die mitwirkenden Experten im Jahr 2017 und 2018 gestaltet, die ersten zwei Kapitel der Monographie vorbereitet und die Mehrheit der Länderberichte schon erhalten bzw. bearbeitet. Die vorläufigen Ergebnisse dieses Vorhabens sind in folgenden Publikationen geschildert: in dem öffentlich zugänglichen FÖV Discussion Paper No. 86, in der Zeitschrift der Universität Vilnius „Teisė", in dem Artikel "Creating Good Administration by Persuasion: A case study of the Recommendations of the Committee of Ministers of the Council of Europe", der in der Zeitschrift „International Public Administration Review" veröffentlicht wurde und in dem Artikel „Good Governance in the Case Law of the ECtHR: A (Patch)Work in Progress" (zugänglich über ResearchGate).

 

English Version

"The development of pan-European general principles of good administration by the Council of Europe and their impact on the administrative law of its Member States"

Project Leader: Prof. Dr. Ulrich Stelkens
Subject Area: Public Law
Funding: since 2015, funded by "Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)"

The project aims to explore the pan-European principles of good administration that are expressed in the rich trove of international conventions of the Council of Europe (CoE), recommendations of the Committee of Ministers of the CoE, resolutions, recommendations and guidelines of its other various bodies (such as the ‘Venice Commission’) and the case law of the European Court of Human Rights (ECtHR). They refer to each other contentwise and, hence, can be said to form a ‘coherent framework’, which specifies quite concrete legal requirements on administrative organization, administrative procedures and legal protection for the administrative law of the CoE Member states. However, the pan-European principles of good administration are only about legitimizing administrative action, ensuring the respect of the rule of law by the administration and protecting individuals from arbitrary power. Therefore, they concretize the values of the rule of law and democracy every CoE Member state must accept following Article 3 of the Statute of the CoE (SCoE). The main aim of the project is to systematically research legal sources, content and scope of the pan-European principles of good administration as well as their impact on national administrative law of the CoE Member States and thus fill an academic lacunae. “Phase 1” of the project will take stock of the legal sources of the pan-European principles of good administration, their scope and their thematic range. With the help of experts from 32 selected CoE Member States the project will furthermore assess their (possible) harmonizing impact on national administrative law, i. e. their ‘effectiveness’. On this basis, “Phase 2” of the project is intended to develop a ‘common frame of reference’ of the pan-European general principles of good administration that reflects on the normative expectations laid down in Article 3 SCoE with regard to the administrative law of the CoE Member states. This may not only be instrumental for the European countries in transition but also preclude (established) CoE Member States from lowering the standards of good administration through various reforms. In addition, such a framework used as a ‘tertium comparationis’ could facilitate legal comparison between the CoE Member States with their very different traditions of administrative law. The ‘common frame of reference’ may not only be drawn upon the case law of the ECtHR and the practice of other bodies of the CoE but also make use of national sources (e. g. national case law). In this way, it can prove that the pan-European general principles of good administration are part of the common European heritage reflecting shared experiences of good and bad administration.