S 403

Ist die Mitte auch schon rechts? Konservatismus, Rechtspopulismus, Rechtsextremismus

Seminare
2 Std.
13.05.2019 - 08:15 bis 12:30, Seminarraum I
03.06.2019 - 13:15 bis 16:45, Hörsaal 1
03.06.2019 - 08:15 bis 12:30, Hörsaal 1
04.06.2019 - 08:15 bis 12:30, Hörsaal 1
15.07.2019 - 08:15 bis 12:30, Hörsaal 1
15.07.2019 - 13:15 bis 16:45, Hörsaal 1
16.07.2019 - 08:15 bis 12:30, Hörsaal 1
Verwaltungswissenschaftliches Ergänzungsstudium: Grundlagen der Staatlichkeit
Verwaltungswissenschaftliches Aufbaustudium: Öffentliche Aufgaben, Organisation und Verfahren
Beschreibung
Im Seminar werden historische und aktuelle Ausformungen des rechten politischen Spektrums (Konservatismus, Rechtspopulismus, Rechtsextremismus) behandelt. Die historischen Ansätze wurden ausgewählt, um zu untersuchen, ob die Ausformungen des gegenwärtigen Konservatismus, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus an diese anknüpfen. Die Reminiszenzen werden also bemüht, um zu analysieren, ob alt bekannte Denk- und Handlungsmuster heute in ähnlicher Form wiederkehren; Kontinuitäten und Brüche sollen erfasst werden.
Unterschieden werden soll das rechte politische Spektrum in ein gemäßigt-konservatives Teilspektrum (1) und in ein zornig-rechtspopulistisches und zornig-rechtsextremistisches Teilspektrum (2). Zu bemerken ist, dass das Gesamtspektrum kein Kontinuum bildet; die Akteure der Teilspektren distanzieren sich zum Teil deutlich voneinander und bekämpfen sich bisweilen sogar. In anderen Zeiten verknüpfen sich jedoch Akteure und Positionen der Spektren. So wird vermutet, dass in Teilen des heutigen Konservatismus rechtspopulistische Strömungen durchaus als legitim erachtet werden, es also durchaus Akzeptanz oder sogar strategische Allianzen zwischen Konservatismus und Rechtspopulismus gibt.
Es wird ferner vermutet, dass die „zornigen" Teilspektren, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus, sich im Kern durch den Grad ihrer Gewaltbereitschaft unterscheiden. Dieses in der politischen Praxis äußerst bedeutsame Unterscheidungsmerkmal hat erhebliche Konsequenzen für die operationalen Maßnahmen des Staates (z.B. Extremismusprävention, sicherheitspolitische Maßnahmen) gegen diese. Für die theoretische Befassung mit ihnen wird jedoch vermutet, dass die Spektren gemeinsam behandelt werden können und müssen: Rechtsextremismus und Rechtspopulismus haben einen Konnex zu gleichen oder zumindest sehr ähnlichen Theorien.
Das theoretische Spektrum des Seminars reicht im Bereich des Konservatismus von einer Auseinandersetzung mit seinen „Gründungsvätern" (Edmund Burke, Friedrich Julius Stahl), über den romantischen (z.B. Adam Müller) und technokratischen Konservativismus (z.B. Arnold Gehlen) bis hin zu neueren wertkonservativen Positionen (z.B. Günter Rohrmoser).
Im „zornigen" rechten Spektrum werden Rassentheoretiker wie Hewston Stuart Chamberlain und Parlamentarismus- und Pluralismuskritiker wie Carl Schmitt ebenso analysiert wie aktuelle rechtspopulistische Positionen wie die von Marc Jongen, dem vermeintlichen Chefideologen der AfD und Sloterdijk-Schüler sowie die von Thor von Waldstein, einem herausragenden Akteur der rechten Szene. Von Waldstein möchte durch Metapolitik einen politischen Klimawandel erzeugen und Jongen sieht ein posthumanes Zeitalter heraufziehen: eine düstere, kulturpessimistische Prognose, die von früheren konservativen Positionen bekannt ist. Offensichtlich keimt im Kontext dieses Denkens ein neues „Unbehagen an der Kultur" (Sigmund Freud), denn ein thymotisches Aufbegehren wird gefordert.
Ein Anliegen des Seminars ist es, Interdependenzen theoretischer Reflektionen mit politischen Entwicklungen zu erfassen. So soll beispielsweise das Denken Edmund Burkes im Kontext der Französischen Revolution und das Denken von Houston Stewart Chamberlain im Kontext des Kolonialismus analysiert werden. Zu fragen ist aber auch und vor allem, welche Bedeutung diese historischen Positionierungen heute noch für den theoretischen Diskurs und die politische Praxis haben. Aufgezeigt werden soll also sowohl die historisch-soziologische Entstehungsgeschichte als auch die ideengeschichtliche und die politisch-praktische Wirkungsgeschichte der historischen Positionierungen.
Bei all dem sollen Grundelemente des Konservatismus wie „Status-quo Orientierung", „Konkretismus", „Positionierung gegen den Fortschritt", aber auch Zeitenwenden des Konservatismus - sogenannte Achsendrehungen - erkannt, analysiert und eingeordnet werden.
Die Achsendrehung in der Nachkriegszeit nimmt dabei einen Wandel in der Grundausrichtung des Konservatismus wahr, so z. B. von Technikaversion zu Technikakzeptanz, von werthaften zu technokratisch-pragmatischen Handlungsbegründungen (Sachzwang, Alternativlosigkeit), von Kulturpessimismus zu Spielarten von Pragmatismus, Inkrementalismus und social engineering. Es wird vermutet, dass aktuell - z. B. im Zuge von Islamismus, Flüchtlingszustrom und Globalisierung - dieser technokratisch-pragmatische Konservatismus in Erklärungsnöte gerät und dadurch wertkonservative Ausrichtungen wieder - wenn auch in veränderter Form - nach vorne drängen. Trotz der Achsendrehungen gibt es Kontinuitäten im konservativen Spektrum. So gilt wahrscheinlich die Erkenntnis Kurt Lenks, nach der der Konservative - bildlich gesprochen - „erst zu denken und handeln beginnt, wenn das Auto bereits ins Schleudern geraten ist" auch heute noch. Konservatismus wäre demnach durch ein eher reaktives Handeln gekennzeichnet.
Beim Rechtspopulismus und Rechtsextremismus sind entsprechend Grundelemente wie „Fremdenfeindlichkeit", „Rassismus", „Antisemitismus", „Nationalismus" und „Anti-Parlamentarismus" zu analysieren. Wie beim Konservatismus sollen Kontinuitäten und Diskontinuitäten aufgezeigt werden.
Darüber hinaus sollen die staatlichen Maßnahmen gegen Rechtsextremismus (Extremismusprävention, sicherheitspolitische Maßnahmen) dokumentiert und analysiert werden. Es stellt sich die Frage, ob Lücken im aktuellen politischen Kampf gegen (nicht verfassungskonforme) rechte Gruppierungen bestehen und wie diese ggfs. geschlossen werden können.
Lernziele
Kommentar