Ambivalenzen moderner Verwaltung – Wissenschaftliche Tagung März 2026
Ein Sammelband mit den Tagungsbeiträgen ist geplant. Weitere Informationen folgen.
Bericht über die Tagung am 26. und 27. März 2026
Am 26. und 27. März 2026 fand die interdisziplinäre, wissenschaftliche Tagung „Ambivalenzen moderner Verwaltung. Wissenschaftliche Perspektiven auf Bürokratie und ihre Kritik“ statt. Die von Prof. Dr. Ruth Weber und Dr. Anne-Marlen Engler konzipierte Tagung war zugleich die Eröffnungsveranstaltung für das neu gegründete „Speyerer Zentrum für Gesetzgebung“.
Auf fünf Panels gewährten Vortragende aus Verwaltungs- und Politikwissenschaften, den Geschichts- und Rechtswissenschaften sowie der Soziologie Einblicke in ihre Expertise aus Wissenschaft und Praxis. Die Panels wurden von den Organisatorinnen sowie von drei, ebenfalls am „Speyerer Zentrum für Gesetzgebung“ beteiligten Professor:innen der DUV Speyer moderiert: Prof. Dr. Stefan Grohs, Prof. Dr. David Roth-Isigkeit sowie Prof. Dr. Constanze Janda.

In der voll besetzten Aula hörten rund 130 Wissenschaftler:innen, Praktiker:innen und Studierende verschiedener deutscher und internationaler Universitäten und Institutionen den Vorträgen zu und beteiligten sich mit Fragen und Anmerkungen an den Diskussionen – immer mit Blick in den frühlingshaften Innenhof.

In ihren einleitenden Worten fächerte Prof. Dr. Ruth Weber kurz auf, was hinter dem titelgebenden Begriffsdreieck Moderne, Ambivalenz und Verwaltung stehe und welche Fragen sich daraus ergäben, die im Laufe der Tagung adressiert werden sollten. Alle drei Begriffe bezog sie auf die Metapher des Gartens als eingehegter Natur und auf den konkreten Garten im Innenhof des Speyerer Lehrgebäudes, dessen moderne Architektur im Kontrast zur Natur stehe und diese einhege, die Natur durch die große Fensterfront der Aula aber zugleich ins Gebäude integriere – ein Bild, das sich durch die Tagung ziehen sollte.
Während der erste Tag interdisziplinären Perspektiven auf Bürokratie und ihre Kritik gewidmet war, standen am zweiten Tag aktuelle Reformvorhaben und Zukunftsperspektiven im Fokus.
Das Tagungsprogramm begann mit einer historischen Perspektive auf Bürokratie und ihre Kritik als Phänomen der Moderne im ersten Panel.
Prof. Dr. Peter Becker (Universität Wien) sprach über das ambivalente Verhältnis zwischen Monarch und Bürokratie am Beispiel des Versuchs Kaiser Franz Joseph I., die traditionelle monarchische Herrschaftsform mit einer modernen Verwaltung zu verbinden. Peter Becker zufolge scheiterte Kaiser Franz Joseph I. zwar letztlich mit diesem Versuch, gleichzeitig produzierte die Möglichkeit zur Herstellung materieller Gerechtigkeit durch kaiserliche Gnadenakte jedoch einen Mehrwert, der wichtig war für die Entwicklung der Habsburger Monarchie hin zu einem modernen System.

Prof. Dr. Stefan Fisch (DUV Speyer) nahm gewissermaßen die entgegengesetzte Perspektive ein, indem er in einer „Zeitreise“ besonders auf die „Verwalteten“ einging. Beginnend im hohen Mittelalter bei der Stadtrepublik Siena, die modernen Verwaltungen näher sei als viele spätere Monarchien, schlug Stefan Fisch einen Bogen über Amerika nach 1492 und den Blick der „verwalteten“ bzw. versklavten indigenen Bevölkerung auf die spanische Regierung bis zur Shoah und H.G. Adlers „verwaltetem Menschen“, nicht ohne auf die Lücke im Werk Max Webers hinsichtlich der Verwalteten hinzuweisen.
Im zweiten Panel, das unter der Frage „Bürokratie als das ‚Andere‘ der Gesellschaft?“ stand, adressierte der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Seibel (Universität Konstanz) als eine der Risikozonen an der Schnittstelle von Politik und Verwaltung das Spannungsverhältnis zwischen Pragmatismus und Rigidität im Verwaltungshandeln und veranschaulichte anhand von Beispielsfällen aus der jüngeren Vergangenheit, was gutes und was schlechtes Verwaltungshandeln ausmachen kann. Abschließend bemängelte Wolfgang Seibel eine zu verengende Betrachtung der Bürokratie in den Verwaltungswissenschaften, ferner plädierte er für mehr empirische Forschung, um der Frage näherzukommen, wie politische und Verwaltungslogik tatsächlich zusammenwirken.
Die Verwaltungswissenschaftlerin Prof. Dr. Sylvia Veit (Universität der Bundeswehr Hamburg) stellte sich der landläufigen Annahme entgegen, bei Digitalisierung und Bürokratieabbau handele es sich um ein „power couple“. Nach einer Bestandsaufnahme entlang empirischer Studien zur tatsächlichen und zur wahrgenommenen Belastung durch Bürokratie sowie zu den Auswirkungen von Entbürokratisierungsmaßnahmen kam sie zu dem Ergebnis, dass Verwaltungsdigitalisierung nicht immer auch Bürokratieabbau zur Folge habe. Insbesondere komme es häufig schlicht zu Verschiebungen der Bürokratielasten. Sylvia Veit warb für realistischere Erwartungen an die beiden „magic concepts“ und mahnte an, Bürokratieabbau durch Digitalisierung könne nur durch Detailarbeit gelingen.

Im dritten Panel zum Thema „Bürokratie zwischen Regulierung und Deregulierung“ stellte der Soziologe Prof. Dr. Stefan Kühl (Universität Bielefeld) seinen Ansatz zur Ordnung des Sprechens über Bürokratie vor, wonach im Anschluss an Niklas Luhmanns Unterscheidung zwischen Konditional- und Zweckprogrammen mit Bürokratie immer Konditionalprogramme gemeint seien. Hinter dem Stichwort Deregulierung bzw. Kontextsteuerung wiederum verberge sich in der Regel eine Umstellung von Konditionalprogrammen auf Zweckprogramme. Um die in Form von Zweckprogrammen staatlich vorgegebenen Ziele zu erreichen, generierten die betroffenen kontextgesteuerten Organisationen, insbesondere Unternehmen, jedoch häufig neue, noch ausgeprägtere Konditionalprogramme: Folge der Entbürokratisierung durch Zweckprogramme sei damit letztlich ein Bürokratisierungsschub.

Prof. Dr. Thomas Wischmeyer (Humboldt-Universität zu Berlin) brachte aus seiner rechtswissenschaftlichen Perspektive den Aspekt der Verlagerung von Konflikten zu Gericht („Justizialisierung“) als häufige Folge der Entbürokratisierung in die Debatte ein. Er sensibilisierte für die mit diesen Verschiebungen einhergehenden Probleme und erläuterte, wie Entbürokratisierungspolitik eine Justizialisierung vermeiden könne: einerseits mit Vereinfachung durch Differenzierung (statt mit einem großen Systemwechsel), andererseits – in geeigneten Politikfeldern wie bestimmten Massenverfahren – mit einem Abbau von Differenzierungen durch Spurwechsel (statt einem Absenken von Schutzstandards). Beispiele aus den USA illustrierten schließlich, wie Gerichte selbst zu Treibern administrativer Vereinfachung werden können. Thomas Wischmeyer schloss mit der Feststellung, Bürokratie könne nicht als bloße Reduktion des Regelungsbestands verstanden werden, sie lasse sich im Rechtsstaat meist nicht abschaffen – man könne sie aber oft anders, teils auch besser verteilen.
Der zweite Tagungstag begann mit Impulsen zu Staatsmodernisierung und Bürokratieabbau im vierten Panel: Der Jurist Prof. Dr. Winfried Kluth (Universität Halle-Wittenberg) stellte den von ihm in einer Studie der Stiftung Familienunternehmen aus dem Jahr 2025 entwickelten Reformvorschlag eines Bürokratiefilters für den Gesetzgeber vor. Er gab zu bedenken, dass die Entscheidung, welches bürokratische Instrument nötig sei und welches nicht, voraussetzungsreich sei, hier müsse unter anderem die Wissensgenerierung im Prozess der Gesetzgebung und Ausführung verbessert werden. Ein reflektierter Bürokratieabbau aber habe das Potential, den Ressourceneinsatz in Staat und Wirtschaft zu optimieren. Abschließend lud Winfried Kluth zur kritischen Kommentierung des Bürokratiefilters ein.
Unter dem Motto „Verwaltung – zwischen Systemfehler und Utopie“ gab die Juristin Dr. Julia Borggräfe (Borggräfe & Keil – Beratung für strategische Transformation & Organisationsentwicklung) Einblick in ihre vielfältigen Erfahrungen aus der Verwaltungspraxis. Auf eine Analyse der Spannungsfelder der öffentlichen Verwaltung im Verhältnis zu Bürger:innen, Politik und Beschäftigten folgten zahlreiche Vorschläge zur Reformierung der Verwaltung – und damit zum Schutz der Demokratie. Denn, so ihre Motivation und Mahnung, eine funktionierende, bürgerorientierte Verwaltung sei das Kernelement starker Demokratie.

Im fünften und letzten Panel, das nach Perspektiven für eine demokratischere Bürokratie fragte, erörterte der Historiker Prof. Dr. Haakon Andreas Ikonomou (Københavns Universitet) in seinem englischsprachigen Vortrag „The Emergence of International Bureaucracy and the Problem of International Loyalty” mit Fallbeispielen aus drei Biographien von Bediensteten des Völkerbundes, wie die spezifischen Ausformungen und Ambivalenzen ihrer Loyalität aussahen.
Im abschließenden Vortrag „Bürokratie als Gegenmacht? Optionen demokratischer Verwaltung in der illiberalen Systemtransformation“ dachte der Politik- und Verwaltungswissenschaftler Prof. Dr. Michael W. Bauer (European University Institute Florence; DUV Speyer) über eine neue, weniger weberianisch als vielmehr hegelianisch fundierte Verwaltungsethik nach. Illiberale Regierungen zwängen dazu, die Rolle von Verwaltung in der liberalen Demokratie neu, und zwar als demokratie-stabilisierend zu definieren. Zur theoretischen Begründung einer solchen Rolle müsse Verwaltung nicht nur als Instrument, sondern als genuin pluralistische, Legitimation generierende Institution demokratischer Ordnung verstanden werden – im Anschluss an eine bei Hegel ansetzende Denktradition.

In ihrem Schlusswort ließen Prof. Dr. Ruth Weber und Dr. Anne-Marlen Engler die zehn vorangegangenen Vorträge Revue passieren, gaben einen Ausblick auf anstehende Projekte des Speyerer Zentrums für Gesetzgebung und kamen mit einem Zitat von Werner Jann noch einmal auf das Bild des Gartens zurück: „[D]ie Vorstellung [ist] naiv, man könne Bürokratie, Regelungswut, Verwaltungswirrwarr […] einmal und endgültig ausrotten. Das angemessene Bild des Bürokratieabbaus als Aufgabe der Rechtspolitik ist nicht der große, neue Architektenentwurf, sondern der gepflegte Garten. Auch hier muss immer wieder, jedes Jahr oder öfter, beschnitten, ausgedünnt, Wildwuchs entfernt und erneuert werden.“ (Werner Jann, Bürokratieabbau: Und ewig grüßt das Murmeltier, ZRP 2023, 247, 251). Damit entließen die Organisatorinnen die Teilnehmenden wieder in ihre Arbeit im (Irr-)Garten der Bürokratie.
Bericht: Katerina Breitling; Fotografien: David Emeruem, Tom Fieguth, Maximilian Schulz
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Das Programm zur Tagung finden Sie hier.
Über die geplante Veröffentlichung der Vorträge sowie weiterer Beiträge in einem Sammelband wird auf dieser Seite informiert werden.


